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Mischa Barmettler

Rendite auf Verfall (YTM)

Was eine Obligation zum heutigen Kurs bis zum Ende voraussichtlich pro Jahr bringt, und warum du Obligationen danach vergleichst, nicht nach dem Coupon.

Kernaussage

Die Rendite auf Verfall ist die jährliche Rendite, die du erwarten kannst, wenn du eine Obligation zum heutigen Kurs kaufst und hältst, bis sie zurückbezahlt wird. Dabei nimmt sie an, dass alle Zahlungen wie geplant eintreffen. Sie zählt die Coupons und den Gewinn oder Verlust zwischen dem Kurs, den du zahlst, und dem Nennwert, den du zurückerhältst. Eine Obligation über CHF 1'000 mit 4 % Coupon und 10 Jahren Laufzeit bringt so 5 % pro Jahr, wenn du sie zu 922.78 kaufst, und 3 %, wenn du 1'085.30 zahlst. Deshalb vergleichst du Obligationen nach dieser Rendite, nicht nach dem Coupon.

Was ist die Rendite auf Verfall?

Der Coupon einer Obligation sagt dir, was sie jedes Jahr zahlt, als Anteil ihres Nennwerts. Wird eine Obligation gehandelt, weicht ihr Kurs aber oft vom Nennwert ab. Die Rendite auf Verfall, auch Verfallrendite oder kurz YTM genannt, vom englischen Yield to Maturity, ist die jährliche Rendite, die du dann erwarten kannst. Du kaufst dafür zum heutigen Kurs, erhältst jeden Coupon und bekommst am Ende den Nennwert zurück. Sie zählt die Coupons und den Gewinn oder Verlust zwischen dem Kurs, den du zahlst, und dem Nennwert, den du erhältst.

Technisch ist es der Zinssatz, bei dem alle künftigen Zahlungen der Obligation, auf heute abgezinst, zusammen ihren aktuellen Kurs ergeben. Selbst rechnen musst du sie nicht: Die Schweizer Börse SIX zeigt für die meisten kotierten Obligationen eine Rendite an, auch für jene der Eidgenossenschaft. Wichtig ist, was sie dir sagt.

Du triffst sie auch bei Obligationenfonds und ETF an. Ihre Factsheets zeigen eine durchschnittliche Rendite der Obligationen, die sie halten. Sie heisst Rendite auf Verfall oder, bei manchen Anbietern, Mindestrendite (Yield to Worst): die tiefste Rendite, falls Emittenten früher zurückzahlen. Sie sagt dir, was diese Obligationen einbrächten, wenn jede bis zu ihrem Ende gehalten würde, vor den Kosten des Fonds. Ein Fonds läuft aber nie ab. Er verkauft laufend alte Obligationen und kauft neue. Die Zahl ist deshalb eine Momentaufnahme, kein Versprechen, was der Fonds einbringen wird.

Was bringt dieselbe Obligation zu drei Kursen?

Nimm dieselbe Obligation wie auf der Seite zu den Obligationen: CHF 1'000 Nennwert, ein Coupon von 4 %, also CHF 40 pro Jahr, und 10 Jahre bis zur Rückzahlung. So viel verdienst du zu drei verschiedenen Kaufkursen:

Kaufkurs Gewinn oder Verlust bei Verfall Lau­fende Rendite YTM
922.78+77.224,33 %5,00 %
1'000.000.004,00 %4,00 %
1'085.30−85.303,69 %3,00 %

In allen drei Fällen erhältst du über zehn Jahre dieselben CHF 400 an Coupons. Unterschiedlich ist das Ende. Kaufst du zu 922.78, erhältst du 77.22 mehr zurück, als du bezahlt hast, insgesamt also 477.22 Gewinn. Kaufst du zu 1'085.30, erhältst du 85.30 weniger zurück, und der Gewinn schrumpft auf 314.70. Die laufende Rendite, der Coupon geteilt durch den Kurs, erfasst davon nur einen Teil. Die Rendite auf Verfall erfasst alles.

Was sagt dir die Rendite einer Obligation?

Drei Dinge sagt dir die Rendite auf Verfall, die der Coupon nicht sagt:

Coupon und Rendite

Der Coupon steht bei der Ausgabe fest. Die Rendite bewegt sich mit dem Kurs.

Der Kurs zählt

Unter dem Nennwert ist die Rendite höher als der Coupon, darüber tiefer. Zum Nennwert sind beide gleich.

Obligationen vergleichen

Verschiedene Coupons und Kurse, eine vergleichbare Zahl. Vergleiche ähnliche Obligationen nach ihrer Rendite, nicht nach ihrem Coupon.

Der Haken

Die Rendite auf Verfall beruht auf Annahmen. Sie nimmt an, dass der Emittent jeden Coupon und den Nennwert vollständig und pünktlich zahlt. Bei einem schwachen Emittenten ist eine hohe Rendite deshalb zum Teil eine Warnung, kein Versprechen. Und sie nimmt an, dass du bis zum Verfall hältst: Verkaufst du früher, erhältst du, was der Markt an diesem Tag zahlt.

Sie nimmt auch an, dass jeder Coupon zum selben Satz wieder angelegt wird. Kaufst du die Obligation zu 922.78 für eine Rendite von 5 % und legst die Coupons zu 5 % wieder an, hast du nach zehn Jahren 1'503.12. Legst du sie nur zu 3 % an, sind es 1'458.56, eine Rendite von 4,68 % pro Jahr statt 5 %.

Auch Steuern können den Vergleich verändern. In der Schweiz zählen Coupons als steuerbares Einkommen. Bei Schweizer Obligationen sind bei der Auszahlung zudem in der Regel 35 % Verrechnungssteuer abgezogen, die du über die Steuererklärung zurückerhältst, wenn du in der Schweiz wohnst. Hältst du eine Obligation aber im Privatvermögen, ist der Gewinn zwischen einem Kurs unter dem Nennwert und der Rückzahlung in der Regel steuerfrei. Ausgenommen sind Obligationen, die schon bei der Ausgabe den grössten Teil ihres Ertrags auf den Verfall legen statt auf die Coupons, etwa Nullcoupon-Obligationen (Zerobonds). Massgebend ist die Ausgabe, nicht dein Kaufkurs. Haben zwei Obligationen dieselbe Rendite auf Verfall, bleibt dir nach Steuern deshalb bei der mehr, die du unter dem Nennwert gekauft hast. Bei ihr wird ein kleinerer Teil des Ertrags besteuert.

Was der Bund zahlt

Ende August 2026 lag der Zins für Bundesobligationen über 10 Jahre bei 0,47 %, laut der Schweizerischen Nationalbank. Das ist etwa, was der Bund zahlt, wenn er sich für zehn Jahre Geld leiht. An 72 der 84 Monatsenden von 2015 bis 2021 lag er unter null, am tiefsten im August 2019 bei −0,98 %. Wer damals kaufte, zahlte so weit über dem Nennwert, dass alle Coupons plus die Rückzahlung weniger ergaben als der Kaufpreis: ein kleiner Verlust, schon am Tag des Kaufs festgelegt. Ein Grund, ihn in Kauf zu nehmen, war die Sicherheit, dem Bund Geld in Franken zu leihen. Vergleichst du Obligationen oder Obligationenfonds, schau auf die Rendite auf Verfall nach Kosten, nicht auf den Coupon.

Das Wichtigste in Kürze

  • —Die Rendite auf Verfall ist die jährliche Rendite, wenn du zum heutigen Kurs kaufst, jeden Coupon erhältst und am Ende den Nennwert zurückbekommst.
  • —Unter dem Nennwert gekauft, rentiert eine Obligation mehr als ihr Coupon, darüber gekauft weniger.
  • —Vergleiche Obligationen nach ihrer Rendite auf Verfall, nicht nach ihrem Coupon.
  • —Die Rendite auf Verfall nimmt an, dass jede Zahlung pünktlich kommt und die Coupons zum selben Satz wieder angelegt werden.

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